Thursday, January 5, 2006

Neujahr im Schnee in Kaschmir

Posted in Bagh area at 2:37 pm by 1840forBagh

(GS, 5.1.2005)

Wintereinbruch in Kaschmir

Melde mich erstmals aus den Bergen Kaschmirs. Bin gestern von Bagh nach Islamabad zurueck gefahren. Die Strasse ueber Arja und Kotli Satiyam ist zwar fuer Auslaender gesperrt aber mit ein bisschen Ueberredungskunst zu machen -in Murree gab es Schneefall und ich wollte nicht in den Bergen irgendwo haengenbleiben.

WintereinbruchKuecheField Office

Silvester in Bagh – 8 Grad im Zimmer, Stromausfall, Milchtee – Prosit Neujahr, Bettruhe um 11 Uhr, an Schlaf ist vor Kaelte nicht zu denken.

Wasirs nachbar Razzaqu

Am Neujahrstag fahre ich ins 25 km von Bagh entfernte Field Office, Bergsteiger wuerden es Basislager nennen. A propos Office – 3 Zelte, eines als Buero und Schlafzelt, die beiden anderen dienen als Kueche und Unterkunft fuer die Arbeiter.
Dauerregen ,die Berggipfel gehuellt in dicke Schneewolken. Ahmad Abbas, unser Field Manager berichtet mir von den Arbeiten und fragt ob ich wirklich heute nach Gugrian in ca 2500 m hinaufgehen wolle. Ja sicher.
Wohlmeinende Freunde,die uns besuchten boten mir Quartier an und rieten mir dringend ab hinaufzugehen. Welcher Teufel mich geritten hat kann ich nicht sagen. Es werden wohl mehrere gewesen sein: Motivation fuer die Truppe vor Ort und Solidaritaet mit den Menschen in den Bergen, denn normalerweise gehe ich bei so einem Wetter hoechstens ins Kaffeehaus oder mit dem Hund,wenn sonst niemand Zeit hat.
Der Regen laesst gegen halb drei etwas nach und so brechen wir auf. Eine Stunde wuerden wir brauchen sagt Wasir,dessen Shelter wir besuchen wollen. Eine Stunde fuer ihn sind zwei fuer mich – aber das sollte ich erst wissen als wir oben sind.
Langsam geht der Regen in Schneeregen ueber und spaeter ist es nur noch dichter Schneefall. Nach einer Stunde machen wir Teepause bei der Familie von Razzaqu – ich sehe das erste Iglu von innen – gut abgedichtet mit Holz an derRueckseite, als Eingang wurde die Tuer des eingestuerzten Hauses verwendet.
Die Aussicht auf eine weitere Stunde Marsch bei diesemWetter laesst mich den Tee sehr langsam trinken.

Abendessen im Iglu

Raus aus dem Iglu in den Schnee. Ich bin voellig durchnaesst, der Wind blaest uns jetzt den Schnee waagrecht ins Gesicht. Jede Flocke ein kleiner Nadelstich.
“Only ten minutes” sagt Wasir. Sehr lieb von dir aber hoer auf mit dem Scheiss,ich weiss dass du mich nur motivieren willst durchzuhalten. Die letzten zehn Minuten denke ich komischerweise nur mehr an Reinhold Messners abgefrorene Zehen, an alle Expeditionstoten dieser Erdeund an die Angebote, die ich im Tal unten ausgeschlagen hatte.

Zehn Minuten noch im dichten Schneetreiben steil bergauf und du weisst genau: da oben wartet kein heisses Bad, kein Kachelofen, keine gute Jause mit einem Schnapserl – sondern nur eine kleine Wellblechhuette und wenn du Glueck hast hat sie Wasir gut abgedichtet, dass dir der Wind nicht auch noch die Nacht versaut. Und vor allem hast du nichts wo du deine Kleidung trocknen kannst.
Dann endlich sind wir da –Wazirs Shelter . Links und rechts ein Bett an der Wand und in der Mitte eine Kiste,die als Tisch dient. Die Zigaretten sind nicht nass geworden – das macht Freude. Die mitgebrachte Reservekleidung ist trocken aber zu wenig –so bekomme ich von Wazir eine Pluderhose. Alle kriechen wir unter eine Decke – die Zehen spuere ich erst nach einer Stunde wieder, aber langsam wird es gemuetlich in der Huette. Draussen schneit es ununterbrochen weiter. Dann wird ein ueppiges Abendessen (Huhn in Sauce mit Reis und sogar eine Nachspeise) aufgetischt. Die Gastfreundschaft von Menschen,die nichts haben ist fuer uns oft beschaemend – das habe ich in vielen Teilen der Welt erleben duerfen.

Wasir Mohammad (35) lebt mit seiner Frau und 3 Kindern hier heroben. Auch sein Bruder lebt mit seiner Familie da. Die Grossfamilie hat zwei Shelter bekommen und Wasir ist uebergluecklich. Nachbarn kommen vorbei um uns zu sehen,denn schnell hat sich herumgesprochen, dass da ein verrueckter Europaeer heraufgekommen ist und sogar heroben uebernachten will. So vergeht der Abend mit Tee trinken, reden und rauchen. – und draussen schneit es ohne Pause.

von Gottfried Strasser

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